Von der Werbebranche in die internationale IT- und Beratungswelt: Martina Sennebogen hat einen bemerkenswerten Weg hinter sich, der sie an die Spitze von Capgemini in Österreich führte.
Zwischen beruflichem Gestaltungsdrang, dem Balanceakt als dreifache Mutter und einer spürbaren Leidenschaft für digitale Transformation erzählt sie im Gespräch mit ABW-Herausgeberin Barbara Mucha, was sie antreibt, woran sie glaubt – und warum Fehler für sie kein Makel, sondern Teil des Fortschritts sind.
Vertrauen in den eigenen Weg
Martina Sennebogen war noch keine dreißig, als sie gleich zwei Entscheidungen traf, die ihr Leben grundlegend verändern sollten. Sie wagte den Sprung in die Selbstständigkeit und trennte sich zeitgleich von ihrem damaligen Ehemann. Mit einem eineinhalbjährigen Kind und einem gerade entstehenden eigenen Unternehmen war das mehr als nur eine mutige Kurskorrektur. „Ich glaube, man kann richtige und falsche Entscheidungen treffen, aber das Schlimmste ist, gar keine Entscheidung zu treffen“, sagt sie rückblickend. Ein Satz, der ihre Karriere wie ein roter Faden durchzieht.
„Die Selbstständigkeit war kein Sprung ins Ungewisse, sondern eine durchdachte Konsequenz."
Vom Land in die Stadt
Geboren in Villach, aufgewachsen in Feld am See, zog es Sennebogen zunächst nicht zwingend hinaus in die weite Welt. Dass sie dennoch Wien eroberte, hatte mit Chancen zu tun, die sich boten, und mit einer tief verwurzelten Liebe zur Bundeshauptstadt. Ihr Vater arbeitete lange Jahre dort, Wien war für Sennebogen daher von klein auf positiv besetzt. Dennoch blieb sie zunächst der Heimat treu, studierte in Klagenfurt Wirtschaftswissenschaften. Eine Entscheidung, die weniger mit Kalkül als mit der Liebe zu tun hatte. „Im Nachhinein war ich aber froh über Klagenfurt. Die Uni ist klein, die Betreuung sehr persönlich – das hat mir gutgetan.“
Wunderwelt der Werbung
Beruflich startete sie in Klagenfurt, ehe sie ein Angebot nach Wien lockte. Der Schritt in die Großstadt war auch der Einstieg in die Welt der Werbung – zu einer Zeit, als Budgets noch großzügig sprudelten und die Arbeit einem Abenteuer glich. Doch mit den Digitalmedien änderte sich vieles. „Damals war Remote Work noch kein Thema. Und ich wollte mich beruflich und privat neu aufstellen.“ Die Selbstständigkeit war deshalb kein Sprung ins Ungewisse, sondern eine durchdachte Konsequenz.
Kultur des Vertrauens
Dass Sennebogen dabei gleichzeitig alleinerziehend wurde, ist für sie bis heute weniger eine Heldengeschichte als schlicht ihr Leben. Sie organisierte sich, holte sich Unterstützung, aber sie wählte ihren Weg immer so, dass er mit ihrem Kind vereinbar war. „Ich habe das meinen Arbeitgebern auch immer klar gesagt: Geburtstage, Schulaufführungen, das ist für mich nicht verhandelbar.“ Eine Haltung, die sie konsequent lebt und die wohl mit ein Grund ist, warum viele Frauen in ihrem Umfeld den Mut finden, ähnliche Wege zu gehen.
Nach Stationen bei Microsoft – „eine Zeit, in der wir Office und Windows verkauft haben und dann plötzlich über Hologramme und KI sprachen“ – sowie bei Ericsson und anderen Konzernen folgte der Schritt zu Capgemini. Dort sollte sie nicht nur das Unternehmen am österreichischen Markt neu ausrichten, sondern auch eine Kultur des Vertrauens und des mutigen Ausprobierens etablieren. „Probieren, scheitern, neu starten – das führt meistens eher zum Ziel, als aus Angst gar nichts zu tun“, sagt Sennebogen.
Fehlerkultur ist für sie keine Worthülse, sondern ein Führungsstil, den sie vorlebt. „Gerade wenn man neu in einem Unternehmen ist, schauen alle erst einmal: Was passiert, wenn etwas nicht klappt? Wenn die Mitarbeiter merken, dass ihnen nicht gleich der Kopf abgerissen wird, spricht sich das schnell herum.“
„Ich habe früh gelernt, mich über Leistung und Können zu definieren.“
Leistung und Können zählen
Ihre Karriere hat sie nie an Titeln oder Sicherheit festgemacht. „Ich wollte gestalten. Ich bin niemand, der zehn Jahre lang etwas verwaltet.“ Wenn ein Unternehmen jemanden brauche, der aufräumt, saniert und neu aufbaut, dann sei das ihr Spielfeld. IT und Beratung sind Männerdomänen. War das ein Problem? „Nein, eigentlich nicht. Ich habe früh gelernt, mich über Leistung und Können zu definieren.“
Sie entdeckte sogar, dass unterschätzt zu werden auch Vorteile haben kann. „Man ist offener, hört besser zu, sucht erst das Problem, bevor man gleich mit der Lösung kommt. Gerade im Vertrieb kann das ein enormer Pluspunkt sein.“
Schnelle und gute Umsetzerin
Heute führt sie Capgemini Österreich mit klarer Linie – aber auch mit einer Offenheit, die viele überrascht. Diversität und Inklusion sind für sie nicht nur Programmziele, sondern gelebter Alltag. „Wir haben nicht nur Frauenförderung, sondern ein inklusives Netzwerk für alle. Mir ist wichtig, dass die Menschen wissen: Hier darf man auch mal sagen, ich bin heute nicht da, weil ich mich um mein Kind kümmern muss.“
Ungeduld sieht die Managerin als ihre größte Schwäche. „Ich will Dinge schnell und gut umgesetzt sehen.“ Sie hat gelernt, Teams so zusammenzustellen, dass Gegenpole da sind: „Ein COO, der immer hinterfragt, eine CFO, die tiefer in die Zahlen geht als ich – das ergänzt sich gut.“
Abschalten kann sie beim Malen, beim Blick aufs Meer in Kroatien, wo sie die „ehrliche, raue Küste“ liebt. „Da ist nur das Rauschen, die Weite und ich.“ Nebenbei hat die erfolgreiche Businessfrau zwei Kinderbücher geschrieben, illustrierte sie selbst, weil ihre Kinder das so wollten. „Es ist ein Buch von der Mama für die Kinder“, sagt sie. Und sie malt. „Vor Covid hatte ich ein Atelier im Keller. Heute male ich gemeinsam mit meinen Kindern.“
Klare Entscheidungen
Wie sieht eigentlich Ihre perfekte Woche aus? Sie muss abwechslungsreich sein. „Ich mag keine Tage, die vor sich hinplätschern. Ich brauche Input und möchte etwas bewegen“, so Sennebogen, die nicht nur eine beeindruckende Karriere hingelegt hat, sondern sich auch nie in Schablonen pressen ließ. Sie hat ihre wichtigsten Entscheidungen selbst getroffen, oft gegen die Erwartungen anderer. Und damit ist sie gut gefahren. Vielleicht, weil sie immer daran geglaubt hat, dass es weitergeht. Egal, wie die Entscheidung am Ende ausfällt.
Foto: Capgemini