Dr. Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende von Infineon Technologies Austria, setzt auf gezielte Investitionen in Leistungshalbleiter und Zukunftstechnologien.
Im ABW-Gespräch erklärt sie, warum technologische Autarkie eine Illusion ist, wie man mehr Mädchen für MINT begeistert und welche politischen Rahmenbedingungen Österreich braucht, um im globalen Hightech-Wettbewerb bestehen zu können.
Die globalen Lieferketten- und Halbleitermärkte bleiben volatil – wie geht Infineon Austria mit diesen Dynamiken um, insbesondere mit Blick auf österreichische und europäische Standort- und Innovationspolitik?
Wir setzen auf „Stärken stärken“. Europa ist bei Leistungshalbleitern und innovativen Fertigungstechnologien international tonangebend – und Infineon ist Weltmarktführer bei Leistungshalbleitern, die etwa für Elektromobilität, KI und erneuerbare Energien unverzichtbar sind. Unser Ziel ist es, diese Stärken gezielt auszubauen, um damit Europas Gewicht im globalen Wettbewerb zu sichern.
Das bedeutet konkret: gezielte Investitionen in unsere heutigen strategischen Stärkefelder, und Aufbau von Stärken bei den Wachstumsthemen von morgen und übermorgen z.B. Quantencomputing und humanoider Robotik. Dazu kommen starke Partnerschaften entlang der Lieferkette und die aktive Mitgestaltung europäischer Initiativen wie dem European Chips Act. Gleichzeitig ist klar: Die Vorstellung, Europa könnte in Sachen Halbleiter autark werden, ist weder realistisch noch sinnvoll. Globale Wertschöpfungsketten bleiben essenziell – entscheidend ist, dass wir unsere Kompetenzen weiterentwickeln, unsere Lieferketten robust halten und uns strategisch international vernetzen.
„Österreich muss sich anstrengen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Energie- und Lohnstückkosten sind im internationalen Vergleich hoch und die Bürokratie bremst Innovation und Wachstum."
Welche Initiativen sind für Infineon Austria wichtig, damit mehr Frauen und Talente aus MINT-Bereichen gewonnen und gehalten werden können?
Wir denken das Thema gesellschaftlich breit und setzen seit langem mit konkreten Maßnahmen konsequent um: Wir begeistern Kinder früh für Technologie – mit Bildungsaktivitäten vom Kindergarten bis zur Universität – und machen Vorbilder sichtbar. Eine aktuelle österreichische Studie der MINTality-Stiftung zeigt, dass rund drei Viertel der Eltern – konkret 76 Prozent – Burschen als geeigneter für MINT-Jobs einschätzen als Mädchen. Es ist also kein Talent-, sondern ein Erwartungsproblem: Eltern ermutigen Söhne in MINT häufiger. Dieses Denken zu verändern, ist eine große gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Deshalb arbeiten wir gezielt an dem Thema, stärken das Selbstvertrauen von Mädchen und würdigen herausragende Leistungen – zum Beispiel mit dem Frauenförderpreis für Digitalisierung und Innovation. Im Unternehmen schaffen wir dafür die richtigen Rahmenbedingungen: flexible Arbeits- und Lebensphasenmodelle, Mentoring, Führungsentwicklung sowie starke Diversitätsnetzwerke, die Frauen sichtbar machen, vernetzen und auf ihrem Karriereweg gezielt unterstützen. Unser Ziel ist es, Talente nicht nur zu gewinnen, sondern sie langfristig zu halten und in Verantwortung zu bringen.
Die Schnittstelle zwischen Industrie und Forschung ist traditionell ein Schwerpunkt in Ihrem Wirken. In welchen technologischen Feldern sehen Sie aktuell die stärksten Wachstumsmöglichkeiten?
Infineon steht für Digitalisierung und Dekarbonisierung mit herausragenden technologischen Produkten. Insbesondere Energie, vor allem in Kopplung mit erneuerbaren Energieträgern, so effizient wie möglich zu nutzen ist seit langem eine unserer zentralen Kompetenzen. Genau da ist besonders großes Wachstumspotenzial und Wachstumsbedarf.
Ein zentrales Thema ist für uns Künstliche Intelligenz: „We Power AI“, das heißt, wir stellen sicher, dass bei der enorm wachsenden Rechenleistung und dem damit verbundenen massiven Energieverbraucht die nötige Energie so effizient wie möglich genutzt werden kann. Jedes Zehntel reduzierter Energieverbraucht durch höhere Effizienz reduziert CO2 Emissionen. Halbleiter von Infineon sind hier das Rückgrat. Zusätzlich rückt Robotik als neues Wachstumsfeld in den Fokus, etwa für die Automatisierung in Industrie und Alltag. Auch Mikrocontroller und Sensorik für das Internet der Dinge bleiben wichtige Wachstumsfelder.
Und wir beschäftigen uns in unserem Quantenlabor in Villach gerade intensiv mit dem Thema Quantencomputing, das nach KI die nächste disruptive Technologie sein könnte. Entscheidend ist, dass wir Innovationen schnell aus der Forschung in die industrielle Anwendung bringen – das ist unser Anspruch und unser Wettbewerbsvorteil.
„Rund drei Viertel der Eltern schätzen Burschen als geeigneter für MINT-Jobs ein als Mädchen. Dieses Denken muss verändert werden.“
Österreich und Europa diskutieren verstärkt über technologische Souveränität und Wertschöpfung in Hightech. Wie positioniert sich Infineon Austria in dieser Debatte und welche Voraussetzungen sehen Sie dafür, dass Österreich künftig global stärker mitspielen kann?
Wir übernehmen Verantwortung, indem wir in Österreich kontinuierlich in Forschung, Entwicklung und Produktion investieren. Das tun wir in unseren heutigen Stärkefeldern und wir bauen neue Stärkefelder auf. Damit leisten wir einen konkreten Beitrag zur europäischen Technologieführerschaft. Aber: Österreich muss sich anstrengen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Energie- und Lohnstückkosten sind im internationalen Vergleich hoch, und die Bürokratie bremst Innovation und Wachstum. Wir brauchen dringend eine Entlastung bei den Standortkosten, eine Bürokratiereform und gezielte Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Nur so können Innovationen aus Österreich erfolgreich auf den Weltmärkten platziert werden.
„Wir wollen Talente nicht nur gewinnen, sondern langfristig halten.“
Was sind für Sie derzeit die wichtigsten politischen Rahmenbedingungen, um Wachstum und Innovation in Ihrem Sektor zu fördern?
Wir brauchen eine innovationsfreundliche Gesetzgebung, Investitionen in digitale und physische Infrastruktur sowie gezielte Programme für Zukunftstechnologien. Ebenso wichtig ist eine Bildungspolitik, die junge Menschen für Technik begeistert und ihnen die nötigen Kompetenzen vermittelt. Und: Wir müssen den internationalen Wettbewerb aktiv mitgestalten, statt nur zu reagieren. Das sind zentrale Voraussetzungen, damit wir als Hightech- und Exportnation bestehen können.
Ihre Wünsche und Ziele für 2026?
Mein Ziel ist es, mit unseren Technologien einen messbaren Beitrag zur Digitalisierung und zur Energiewende zu leisten, Forschung und Entwicklung „Made in Austria“ zu stärken, dabei Wertschöpfung in Österreich zu generieren und den Standort weiterhin international sichtbar und erfolgreich zu positionieren. Und ich möchte meine Mission weiterführen und jungen Menschen eindrücklich vermitteln, wie spannend, bunt, zukunftsträchtig und sinnstiftend ein Beruf in der High-Tech-Welt ist.
Foto: Infineon Austria