Seit etwas mehr als einem Jahr steht Nicole Daniela Schlautmann, MBA, an der Spitze von MSD Österreich. Eine Zeit, in der sie das Unternehmen neu ausgerichtet und klare Prioritäten gesetzt hat.
Sie stehen seit etwas mehr als einem Jahr an der Spitze von MSD Österreich. Was hat Sie im ersten Jahr am meisten überrascht und wo mussten Sie selbst Weichen stellen, um das Unternehmen strategisch neu auszurichten?
Zum einjährigen Jubiläum habe ich es bereits auf LinkedIn geschrieben und werde nicht müde, es weiter zu betonen: In zwölf Monaten kann man zwar viel bewegen – aber nur, wenn man ein Team um sich hat, das mutig genug ist, neue Wege mitzugehen. Genau dieses Team habe ich bei MSD gefunden. Als gebürtige Deutsche habe ich in meiner Anfangszeit viel Neues über das österreichische Gesundheitssystem gelernt.
In den letzten Jahren konnte ich feststellen, dass wir alle von enormen Stärken profitieren, andererseits aber auch großes Potenzial brachliegt. Solange Daten- und Versorgungsstrukturen nicht harmonisiert sind, kann die Patientenversorgung nicht optimiert werden. Hier besteht also viel Raum für Verbesserungen. Gleichzeitig habe ich eine wissenschaftliche Exzellenz erlebt, um die uns viele andere Länder beneiden. Eindrucksvoll war auch die firmeninterne Reise: Nach meinem Wechsel von einem anderen Pharmaunternehmen zu MSD vor einem Jahr habe ich ein Team vorgefunden, das mutig Veränderung zulässt, Silos hinterfragt und neue Formen der Zusammenarbeit nicht nur akzeptiert, sondern aktiv vorantreibt. Dieses tolle Mindset war die Basis für vieles, was wir 2025 angestoßen haben.
Strategisch haben wir die Weichen gestellt, indem wir MSD Österreich klar als innovationsgetriebenen und verlässlichen Dialogpartner positioniert haben. Das beginnt bei der konsequenten Umsetzung unserer globalen Forschungsziele in Österreich und reicht bis zu konkreten Projekten, die Versorgungslücken sichtbar machen oder auf Prävention und Früherkennung von schweren Erkrankungen setzen.
Uns als MSD ist es wichtig, dass Österreich und seine Systemplayer verstehen, welchen gesellschaftlichen Beitrag Forschung und die pharmazeutische Industrie leisten können. Innovation gemeinsam voranzutreiben bedeutet, für die Zukunft vorzubauen.
„Österreich könnte längst ein europäischer Leuchtturm im Bereich Life Sciences sein. Das Potenzial ist vorhanden, wir müssen es nur nutzen.“
Die forschende Pharmaindustrie erlebt derzeit einen tiefgreifenden Wandel: Personalisierte Therapien, Datenmedizin, Lieferkettenrisiken und steigende Kosten sind nur einige der Herausforderungen. Wie gelingt es Ihnen, Forschung und Wirtschaftlichkeit in Österreich miteinander zu verbinden, ohne die Versorgungssicherheit aus den Augen zu verlieren?
Die forschende pharmazeutische Industrie steht aktuell tatsächlich an einem Wendepunkt: Datengetriebene Technologien wie KI, neue diagnostische Methoden oder Robotik beschleunigen die Entwicklungen zwar enorm. Gleichzeitig sehen wir uns mit volatilen Lieferketten, steigenden Kosten und nicht zuletzt mit geopolitischen Spannungen konfrontiert, die völlig neue Fragestellungen aufwerfen. Wir müssen deshalb nicht nur medizinisch, sondern auch organisatorisch und strategisch innovativ denken.
Trotz dieser rasanten Entwicklungen und Herausforderungen bin ich überzeugt: Forschung, Innovation und Wirtschaftlichkeit stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern verstärken sich gegenseitig. Wenn wir die Forschung stärken, Daten klug nutzen und stabile, verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, profitieren alle: Patienten, das Gesundheitssystem und der Wirtschaftsstandort.
Wichtig ist mir: Versorgungssicherheit entsteht nicht erst beim Medikament im Regal. Sie beginnt viel früher: mit einer innovationsfreundlichen Kultur, starker klinischer Forschung im Land, gut vernetzten Experten und fairen politischen Rahmenbedingungen. Je besser diese Bausteine zusammenspielen, desto widerstandsfähiger wird das gesamte System.
Wenn diese Elemente zusammenspielen, entsteht ein selbstverstärkender Kreislauf: Mehr Forschung bedeutet mehr Innovation, mehr Expertise im System und mehr Resilienz – und damit auch mehr Versorgungssicherheit. Genau diese Kombination braucht Österreich, um zukunftsfähig zu bleiben.
„Solange in Österreich die Daten- und Versorgungsstrukturen nicht harmonisiert sind, kann die Patientenversorgung nicht optimiert werden.“
MSD ist stark im Bereich Onkologie, Infektionskrankheiten und Impfstoffe engagiert. Welche Entwicklungen oder Studien aus dem globalen Konzernumfeld werden für den österreichischen Markt 2026 besonders relevant sein?
2026 wird ein Jahr sein, in dem mehrere internationale Entwicklungen von MSD in Österreich in mehreren Bereichen sehr konkret ankommen werden: in der Onkologie, bei den Impfstoffen sowie bei Infektions- und kardiovaskulären Erkrankungen.
Wir bleiben dabei unserer Strategie treu, Krankheiten möglichst zu verhindern. Und falls sie dennoch auftreten, sie so früh wie möglich zu erkennen und das Leben von Erkrankten zu verbessern – bestenfalls sogar zu retten.
MSD wird auch künftig stark auf klinische Forschung in Österreich setzen. Da wir seit vielen Jahren sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin aktiv sind, ist uns ein ganzheitliches 360°-Gesundheitsverständnis besonders wichtig, das Prävention, Humanmedizin und Tiergesundheit miteinander verbindet. Nur wenige Unternehmen weltweit können dieses Konzept so umfassend mit ihrem Portfolio abdecken – und darauf sind wir zu Recht stolz.
„Ich habe in Österreich eine wissenschaftliche Exzellenz erlebt, um die uns viele andere Länder beneiden.“
Der Fachkräftemangel betrifft inzwischen auch die Life-Sciences-Branche. Welche Maßnahmen ergreifen Sie bei MSD, um Talente zu gewinnen und zu halten?
Ja, der Fachkräftemangel betrifft auch die Life-Sciences-Branche, doch wir begegnen ihm mit klaren Prioritäten, einer starken und einheitlichen Unternehmenskultur, echter Flexibilität und konsequenter Weiterentwicklung. MSD wurde mehrfach als Top Employer ausgezeichnet, was unseren Anspruch widerspiegelt.
Wir bieten flexible Arbeitszeitmodelle, Homeoffice, zusätzliche freie Tage und bis zu 20 Stunden bezahlte Sozialarbeit pro Jahr. Eltern können außerdem bis zu zwölf Wochen bezahlte zusätzliche Elternzeit nutzen. Ein zentraler Punkt dabei ist unser Arbeitsumfeld, in dem niemand Energie darauf verschwenden muss, jemand anderes zu sein. Wir wollen, dass sich niemand verbiegt, um dazuzugehören.
MSD steht für eine inklusive, offene Kultur, in der unterschiedliche Perspektiven ausdrücklich erwünscht sind, denn erst Vielfalt ermöglicht unser stetiges Wachstum. Parallel dazu investieren wir stark in Kompetenzbildung: 38.000 Ausbildungsstunden pro Jahr in Österreich sprechen für sich. Zu guter Letzt: Fairness bedeutet für uns auch adäquate Bezahlung – wir zahlen signifikant über Kollektivvertrag, was einen messbaren gesamtwirtschaftlichen Effekt von 18 Millionen Euro erzeugt. Wir können stolz behaupten, dass sich unsere Bemühungen auszahlen! Unsere Fluktuation ist niedrig und die durchschnittliche Zugehörigkeit beträgt 9,9 Jahre.
In der Gesundheitspolitik ist Österreich in Bewegung: von der Spitalsreform über die Arzneimittelzulassung bis hin zu Digital Health. Welche Rahmenbedingungen sind entscheidend, damit forschende Unternehmen auch zukünftig investieren? Welche Reformschritte erwarten Sie 2026 von der Politik?
Österreich könnte längst ein europäischer Leuchtturm im Bereich Life Sciences sein. Das Potenzial ist vorhanden, wir müssen es nur nutzen. Das gelingt allerdings nicht mit Lösungen von gestern. Was wir brauchen, ist der Mut, vertraute Muster zu hinterfragen und Österreich – im Schulterschluss mit Europa – zukunftsfähig zu machen.
Das bedeutet mehr Transparenz und Geschwindigkeit bei der Erstattung, damit Innovationen ohne Zeitverlust bei den Patienten ankommen. Eine kluge Zentralisierung dort, wo Spezialisierung die Qualität hebt. Und eine digitale Infrastruktur, die diesen Namen verdient. Denn obwohl sie längst selbstverständlich sein sollte, fehlt die Digitalisierung in zentralen Bereichen immer noch – und genau das müssen wir ändern.
Ein Bereich, der 2026 besonders ins Zentrum rücken muss, ist Prävention und Vorsorge. Österreich hat die Chance, Screeningprogramme – etwa im Bereich Darm- oder Lungenkrebs – breiter, gezielter und strukturierter umzusetzen. Prävention ist kein Kostenfaktor, sondern eine Investition mit messbarem ökonomischem und gesellschaftlichem Return on Investment. Wenn niemand erst erkrankt, ist das ein Gewinn für alle: das Individuum, die Angehörigen und das System. Wenn diese Punkte 2026 angegangen werden, hat Österreich die Chance, Forschung nicht nur anzuziehen, sondern aktiv zu gestalten. MSD ist bereit!
Foto: Husar
