DI Dr. Alexandra Loidl. Seit Juli steht die promovierte Chemikerin an der Spitze des Verbands Österreichischer Abfallwirtschaftsbetriebe – als erste Frau in dieser Position. Seit 1. Jänner 2026 ist sie zusätzlich Vorständin der Holding Graz.
Sie haben im Sommer 2025 das Präsidentenamt der VÖA übernommen. Welche strategischen Schwerpunkte setzen Sie für das kommende Jahr?
Unsere Hauptaufgabe ist, die kommunale Abfallwirtschaft zu stärken und eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft voranzutreiben. Der ständige Wissensaustausch zwischen unseren Mitgliedsbetrieben und ihren Experten fördert Klimaschutz und Ressourcenschonung durch modernste Technologien. Dazu zählen Dekarbonisierungsprojekte und Maßnahmen, um die Brandgefahr durch Lithium-Akkus zu senken.
Obwohl wir jährlich 3.500 Tonnen Batterien sammeln – fast die Hälfte der im Umlauf befindlichen –, wollen wir diese Menge deutlich steigern. So verringern wir Risiken und schützen die Umwelt. Weitere Schwerpunkte sind die Entsorgungssicherheit im Inland, die Verwertung von Alttextilien und die Nutzung von Bioabfall als Rohstoff für das Recycling. Entscheidend ist, dass alle – von Verbrauchern bis zu kommunalen Organisationen – eng zusammenarbeiten. Nur so gelingt Kreislaufwirtschaft.
„Oberste Priorität ist es, die Rolle der kommunalen Abfallwirtschaft weiter zu stärken und zugleich die Weichen für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu stellen.“
Welche Rahmenbedingungen fehlen in Österreich, damit die kommunale Abfallwirtschaft nicht nur widerstandsfähig bleibt, sondern Innovationen vorantreibt? Förderungen sind essenziell und sollten im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich nicht gekürzt, sondern ausgebaut werden. Ein gutes Beispiel ist die Förderung von 51 batterieelektrischen Abfallsammelfahrzeugen innerhalb der VÖA. Diese Investition rechnet sich in wenigen Jahren und spart jährlich 1.479 Tonnen CO2 ein. Um Fortschritte zu erzielen, müssen wir auf EU-Ebene die richtigen Rahmenbedingungen schaffen und sie in nationales Recht umsetzen.
Ein weiterer Innovationsmotor ist die Zusammenarbeit mit Universitäten und Technologieunternehmen. So arbeiten VÖA-Mitgliedsbetriebe derzeit mit dem Christian Doppler Labor daran, Aschen aus der Reststoffverbrennung für die Betonherstellung nutzbar zu machen. Solche Projekte weisen den Weg in die Zukunft der Kreislaufwirtschaft. Ihre Wahl markiert einen Führungswechsel in einer traditionell männerdominierten Branche.
„Besonders am Herzen liegt mir, junge Frauen für MINT Fächer zu begeistern – hier übernehme ich besonders gerne eine Vorbildfunktion.“
Wie wollen Sie Führungskultur, Diversität und Talentförderung in den Mitgliedsbetrieben neu gestalten?
Mir ist es ein besonderes Anliegen, den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen. In meiner bisherigen Rolle als Leiterin der Abfallwirtschaft der Holding Graz habe ich diesen Anteil von 30 auf 60 Prozent gesteigert. Ebenso wichtig ist es, Gendergerechtigkeit und Generationenvielfalt aktiv zu fördern. Unterschiedliche Generationen bringen unterschiedliche Perspektiven und Stärken mit – diese gezielt zu nutzen, ist ein Kern moderner Führung. Als Vorständin der Holding Graz (seit 1. Jänner 2026) und Präsidentin der VÖA möchte ich junge Mitarbeiter ermutigen, sich einzubringen – etwa durch Vernetzungstreffen und gemeinsame Exkursionen. Besonders am Herzen liegt mir, junge Frauen für MINT-Fächer zu begeistern. Hier sehe ich mich in einer Vorbildrolle.
Welche Geschäfts- oder Wertschöpfungsmodelle wollen Sie mit der VÖA vorantreiben? Wir setzen auf Projekte wie das Recycling von Alttextilien, chemisches Recycling zur Rückgewinnung von Wertstoffen aus Abfallrückständen und die Nutzung von Bioabfall – sei es als Kompost oder Biogas. Dabei spielt Aufklärung eine Schlüsselrolle: Kreislaufwirtschaft funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Neben der Abfallvermeidung und dem bewussten Trennen wollen wir die Bevölkerung auf die Bedeutung von Altstoffsammelzentren als Ressourcenparks hinweisen. Österreich verfügt über eine hervorragende Infrastruktur – wir müssen sie nur konsequent nutzen.
Foto: VÖA