Als Geschäftsführerin des Verkehrsverbundes Ost-Region (VOR) navigiert Mag. Karin Zipperer, MBA das Unternehmen durch komplexe Interessenslagen.
Als Geschäftsführerin eines der größten Verkehrsverbünde Österreichs spielen Sie eine Schlüsselrolle in der Ostregion. Welche strategischen Initiativen sind für das kommende Jahr geplant?
Unsere strategische Zielsetzung für das kommende Jahr ist es, den öffentlichen Verkehr für alle Fahrgäste einfacher zugänglich und niederschwelliger nutzbar zu machen. Zudem arbeiten wir kontinuierlich daran, unser Angebot weiter zu verbessern, um die Öffis als verlässliche und moderne Alternative zum Auto zu stärken.
Ein zentraler Baustein dabei ist der konsequente Ausbau digitaler Vertriebslösungen. So stellen wir unseren Kundinnen und Kunden über verschiedene digitale Kanäle eine Vielzahl an Services bereit.
Unser Flaggschiff ist der kostenlose Routenplaner AnachB.VOR.at, in der mobilen Version die „VOR AnachB-App“ mit integrierter Ticketing-Funktion. Beide liefern in Echtzeit aktuelle Routeninformationen und Verbindungsvorschläge, sind einfach zu bedienen und übersichtlich gestaltet.
Ein weiterer Meilenstein im Online-Ticketing der Ostregion ist unsere ciao-App, die wir dieses Jahr gemeinsam mit den Wiener Linien und den Wiener Lokalbahnen gelauncht haben.
Die App kann bundesländerübergreifend genutzt werden und funktioniert nach dem Post-Paid-Prinzip: Fahrgäste checken mit einem Klick per Smartphone ein, fahren los und checken am Ziel wieder aus – die Bezahlung erfolgt automatisch im Nachhinein. Gerade für Gelegenheitsnutzer ist das ein enormer Gewinn, denn sie müssen sich nicht mit dem Tarifsystem auskennen und der Ticketkauf am Automaten oder Schalter entfällt. Das Ticketing erledigt sich selbst im Hintergrund – intuitiv, digital und komfortabel.
Gleichzeitig liegt unser Schwerpunkt auf der weiteren Stärkung unserer Verbundkooperation. Eine enge Zusammenarbeit mit allen Partnern im Bus- und Bahnverkehr ist entscheidend, um ein leistungsfähiges und verlässliches Gesamtangebot für unsere Fahrgäste sicherzustellen.
Wichtig sind hierbei aufeinander abgestimmte Fahrpläne sowie eine effiziente Verzahnung von Bahn, Bus und Bedarfsverkehren. So schaffen wir ein Angebot, das dem Wachstum der Region gerecht wird – mit besseren Anschlüssen, optimierten Takten und neuen Verbindungen.
„Mobilität lebt von den Menschen, die sie nutzen, gestalten und finanzieren.“
Der öffentliche Nahverkehr steht vor grundlegenden Veränderungen: von Mobilität auf Abruf (On-Demand) über Digitalisierung bis hin zur Dekarbonisierung. Wo sehen Sie die größten Bruchlinien und wie positioniert sich der VOR, um nicht nur Schritt zu halten, sondern Impulse zu setzen?
Der öffentliche Nahverkehr befindet sich aktuell in einer Phase tiefgreifender Transformation. On-Demand-Mobilität, Digitalisierung und Dekarbonisierung stellen etablierte Strukturen infrage, bieten aber auch die Chance, das Zusammenspiel zwischen Fahrgästen, Verkehrsunternehmen und Finanzierungspartnern neu zu gestalten.
Die größten Bruchlinien entstehen dort, wo individuelle Mobilitätsbedürfnisse auf den klassischen Linienverkehr treffen und nachhaltige Technologien im großflächigen Betrieb umgesetzt werden müssen.
Der VOR nimmt diese Herausforderungen aktiv an, indem er Mobilität für die Fahrgäste so einfach und attraktiv wie möglich gestaltet. Dazu gehört ein niederschwelliger Zugang zu allen Angeboten, ein einheitlicher Verbundtarif und eine verlässliche Fahrgastinformation aus einer Hand.
Hier sind alle Verkehrsunternehmen gefordert, mitzuwirken. Unser Ziel ist es, On-Demand-Angebote nicht nur in die Fahrpläne, sondern auch in die Tariflogik und die digitalen Routingsysteme zu integrieren. So können Fahrgäste zukünftig alle Mobilitätsformen kombinieren.
Darüber hinaus treiben wir die Digitalisierung konsequent voran: Mit Apps und Plattformen bündeln wir Fahrgastinformationen, Ticketing und Routenplanung in einem intuitiven System. Unser Ziel ist es, künftig integrierte multimodale Lösungen anzubieten, die den klassischen Linienverkehr stärken und flexible Mobilitätsformen nahtlos einbinden.
Parallel dazu arbeiten wir gemeinsam mit unseren Partnern an klimafreundlichen Technologien und Strategien, um den öffentlichen Verkehr langfristig zu dekarbonisieren. Unser Anspruch ist klar: Wir wollen nicht nur Schritt halten, sondern selbst Impulse setzen – für einen effizienten und zukunftsfähigen Öffentlichen Nahverkehr.
„Wir arbeiten kontinuierlich daran, unser Angebot weiter zu verbessern, um die Öffis als verlässliche und moderne Alternative zum Auto zu stärken.“
In Österreich gibt es einen politisch und finanziell komplexen Rahmen für Verkehrsverbünde. Welche wegweisenden Rahmenbedingungen fehlen Ihrer Meinung nach derzeit, damit der VOR seine Aufgaben im Tarif- und Linienmanagement effizient und innovativ erfüllen kann?
Mobilität lebt von den Menschen, die sie nutzen, gestalten und finanzieren. Als VOR verstehen wir uns als Drehscheibe zwischen diesen unterschiedlichen Interessen: den Fahrgästen, die faire Tarife, direkte Verbindungen und einen einfachen Zugang zu hochwertigem öffentlichem Verkehr erwarten, den Partnerunternehmen, die langfristige Planungssicherheit benötigen, aber gleichzeitig Eigenständigkeit in der Leistungserbringung bewahren wollen, und den Eigentümern – den Ländern Wien, Niederösterreich und Burgenland –, die eine effiziente und verantwortungsvolle Verwendung der Finanzmittel sicherstellen wollen.
Unsere zentrale Aufgabe ist es, diese Perspektiven in Einklang zu bringen. Dafür brauchen wir klare, verlässliche Rahmenbedingungen, die eine optimierte Tarif- und Liniengestaltung ermöglichen, Planungs- und Finanzierungssicherheit schaffen und flexible Anpassungen an neue Mobilitätsformen zulassen. Nur so können wir eine nachhaltige, generationenübergreifende Mobilität entwickeln, die den Bedürfnissen der Menschen von heute gerecht wird und gleichzeitig die Chancen künftiger Entwicklungen nutzt.
„Wie setzen gezielt auf die Förderung von Talenten aller Altersgruppen, Geschlechter und Hintergründe.“
Führung bedeutet heute mehr als Technik und Prozesse: Vielfalt, Agilität und Mitarbeiterentwicklung gewinnen zunehmend an Bedeutung. Wie gestalten Sie Ihre Führungsagenda, um junge Talente zu gewinnen?
Mir sind Diversität und eine offene Unternehmenskultur besonders wichtig. Dabei setzen wir gezielt auf die Förderung von Talenten aller Altersgruppen, Geschlechter und Hintergründe. Ein zentraler Baustein ist dabei unsere Lehrlingsoffensive: Junge Talente übernehmen früh Verantwortung, werden in komplexe Aufgaben eingebunden und profitieren von einer praxisnahen Ausbildung, Rotationsprogrammen, eigenverantwortlichen Projekten sowie begleitenden Trainings, die ihre persönliche und fachliche Entwicklung stärken.
Vielfalt ist für uns ein entscheidender Hebel für Innovation. Dabei ist es mir besonders wichtig, dass Frauen nicht nur Nutzerinnen, sondern auch Gestalterinnen des Systems sind – als Führungskräfte, Planerinnen und Projektleiterinnen.
Heute sind bereits zahlreiche Frauen in leitenden Funktionen im VOR tätig, und viele weitere befinden sich auf dem Weg dorthin. Unser Ziel ist es, den Anteil von Frauen in Führungspositionen kontinuierlich zu erhöhen und sichtbar zu machen. Um dies zu erreichen, fördern wir Nachwuchskräfte gezielt durch Mentoringprogramme, Weiterbildungen und Führungstrainings und bieten klare, transparente Karrierepfade.
Flexible Arbeitszeitmodelle und Homeoffice schaffen zudem die Rahmenbedingungen, um Karriere und Privatleben gut miteinander zu vereinbaren. Denn wer Mobilität für Generationen gestalten will, braucht die Perspektiven verschiedener Generationen sowie die Kompetenzen aller Geschlechter. Nur so sichern wir die Innovationskraft, die Qualität und die nachhaltige Entwicklung des öffentlichen Verkehrs in der Ostregion.
Foto: feelimage Materna