Martha Schultz führt die Wirtschaftskammer bis 2030 als Präsidentin. Im ABW-Gespräch erklärt sie, wie sie die Organisation modernisieren und den Wirtschaftsstandort Österreich stärken will.
Welche Ziele sind Ihnen jetzt besonders wichtig?
Ich habe im Sommer 2025 erneut das Vertrauen als Vizepräsidentin erhalten – und führe nun, nach den Entwicklungen, als Präsidentin die Amtsgeschäfte der Wirtschaftskammer Österreich. Das ist eine große Verantwortung, gerade in einer Phase, in der viele Unternehmen wirtschaftlich unter Druck stehen. Für die österreichische Wirtschaft geht es jetzt darum, den Standort zu stärken, Bürokratie zu reduzieren und Investitionen zu fördern. Wir brauchen weniger regulatorische Lasten, niedrigere Lohnnebenkosten, planbare Energiepreise und Investitionsanreize, die Wachstum möglich machen. Österreich hat enormes Potenzial – wir müssen es jetzt aktiv und entschlossen heben.
Gleichzeitig ist es mir ein wichtiges Anliegen, nach den turbulenten Zeiten wieder Ruhe in die Organisation zu bringen und vor allem den notwendigen Reformprozess aktiv voranzutreiben. Wir müssen Vertrauen zurückgewinnen, indem wir das tun, was die Unternehmerinnen und Unternehmer von uns erwarten und die Wirtschaft braucht: Probleme lösen, Haltung zeigen und Ergebnisse liefern. Mein Ziel in meiner neuen Funktion ist es, die Kammer neu aufzustellen: moderner, transparenter und noch serviceorientierter. Unsere Mitglieder sollen spüren: Die WKÖ ist Partnerin, Möglichmacherin und Motor für Wachstum. Genau dort setze ich an.
Welche konkreten Forderungen bringen Sie ein, um KMU zu entlasten?
Unsere kleinen und mittleren Unternehmen sind das Rückgrat der heimischen Wirtschaft. Als Unternehmerin weiß ich aus eigener Erfahrung, wie stark sich Bürokratie, Fachkräftemangel und steigende Kosten auf den Alltag auswirken.
Wir müssen den Betrieben das Arbeiten erleichtern: durch weniger Auflagen, raschere Genehmigungen und digitale Lösungen, die wirklich entlasten, statt zusätzliche Hürden zu schaffen. Wir brauchen eine konsequente Bürokratiebremse, einen Entlastungskurs für den Mittelstand, klare Rahmenbedingungen für längeres Arbeiten und gezielte Fachkräftezuwanderung. Digitalisierung muss Zeit sparen, nicht Zeit kosten. Planbare Energiepreise, faire Betriebsübergaben und ein Abbau von Regulierung sind ebenso Maßnahmen, die der Standort dringend braucht.
Nur wenn Betriebe handlungsfähig bleiben, können sie investieren, wachsen und Arbeitsplätze sichern. Darum setze ich mich konsequent für pragmatische Lösungen ein, die direkt bei den Unternehmen ankommen.
„Wir müssen wieder Ruhe in die Organisation bringen und vor allem den notwendigen Reformprozess aktiv vorantreiben.“
Wo steht Österreich bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Österreich hat großartige Frauen in der Wirtschaft – rund 150.000 Unternehmerinnen führen Betriebe, schaffen Innovation und Beschäftigung. Das ist ein enormes wirtschaftliches Potenzial. Aber damit dieses Potenzial wirken kann, braucht es geeignete Rahmenbedingungen.
Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt hier der Schlüssel. Ich habe mit Frau in der Wirtschaft konsequent dafür gekämpft, dass Kinderbildung und -betreuung endlich als Standortfrage behandelt werden. Die zugesagten 4,5 Milliarden Euro in diesen Bereich waren notwendig und richtig – jetzt müssen Ausbau und Qualität rasch folgen. Nur wenn Betreuung flächendeckend und verlässlich ist, können Frauen ihr Potenzial voll entfalten. Gleichstellung entsteht dort, wo wirtschaftlicher Erfolg möglich ist – nicht am Papier, sondern in der Praxis.
Welche Veränderungen in der WKÖ wollen Sie anstoßen?
Wir wissen, dass die Erwartungen weiter gestiegen sind – und wir nehmen das sehr ernst. Die WKÖ leistet tagtäglich wertvolle Arbeit: vom WIFI bis zum Gründerservice, von Exportberatung bis Interessenvertretung. Wir müssen sichtbar und spürbar machen, welchen Nutzen wir schaffen. Und wir müssen Strukturen modernisieren. Daher habe ich einen umfassenden Reformprozess angestoßen. Wir müssen alles hinterfragen, ohne Tabus. Wie in einem Unternehmen gilt: alles evaluieren, abwägen und wohlüberlegt aber entschlossen – im Sinne der österreichischen Unternehmen - handeln. Ich werde alles daransetzen, unser Profil zu schärfen und die Kammer für die Zukunft aufzustellen.
Wie sieht Ihre Vision für Österreichs Wirtschaft aus?
Wir stehen vor großen Herausforderungen: Digitalisierung, Fachkräftemangel, Klimaziele und veränderte globale Lieferketten betreffen direkt die Betriebe. Wer ein Unternehmen führt, weiß, wie stark sich solche Rahmenbedingungen auf den Alltag auswirken.
Deshalb muss die Politik praxisnah und berechenbar handeln. Europa muss wieder ein Wachstums- und Wettbewerbsprojekt sein. Der Binnenmarkt bietet riesige Chancen, wenn wir Bürokratie reduzieren, Genehmigungen beschleunigen und Forschung sowie Digitalisierung aktiv fördern. Österreich kann hier vorne mitspielen, wir haben die Unternehmen, das Know-how und den Erfindergeist.
Dafür braucht es Investitionsanreize statt zusätzlicher Steuern, Planungssicherheit bei Energie, einen starken Fokus auf Fachkräfte und eine Wirtschaftspolitik, die Lust auf Zukunft weckt. Österreich soll nicht verwalten, sondern gestalten. Es liegt an uns, die Chancen der kommenden Jahre konsequent zu nutzen – für Betriebe, Arbeitsplätze und den Standort Österreich.
Foto: Barbara Nidetzky