Gudrun Meierschitz, M.A., Acredia Versicherung: Warum Bauchgefühle und Erfahrungen wichtig für Unternehmer sind

Warum Bauchgefühle und Erfahrungen wichtig für Unternehmer sind und Diversität ein wesentlicher Erfolgsfaktor im Geschäftsleben ist, verrät die Acredia-Vorständin im ABW-Interview.

 

Ein Blick zurück: Wie hat sich die Corona-Pandemie auf das Geschäftsjahr 2020 ausgewirkt?

Kurz gesagt: völlig anders als erwartet und mit etlichen Schwankungen, die atypisch für unser Geschäft sind. Genauer skizziert, war der Schadenverlauf sehr niedrig – und das war im März, April und Mai 2020 nicht zu erwarten. Damals haben wir damit gerechnet, dass es zu vielen Insolvenzen kommen wird.

Die vielen staatlichen Maßnahmen weltweit haben aber ihren Zweck erfüllt und zahlreichen Unternehmen das Überleben ermöglicht. Die Zahl der Insolvenzen ist folglich auf einem historischen Tiefstand und vergleichbar mit jener von vor dreißig Jahren. 

Welchen Rat geben Sie Unternehmen, um in diesen herausfordernden Zeiten zukunftsfit zu bleiben?

Ich empfehle, auf eine Mischung aus alten und neuen Kompetenzen zu vertrauen. Als bereits bisher wichtige Kompetenzen sehe ich: Auf die eigene Bonität zu achten, auf Bauchgefühl und Erfahrung zu hören und abzusichern, was geht.

Wichtige neue Skills sind: Den Anschluss an die Digitalisierung nicht zu verpassen, für neue Vertriebskanäle und Geschäftsideen offen zu sein und natürlich Spaß zu haben, an den vielen neuen Entwicklungen, die in den vergangenen Monaten in der Arbeitswelt entstanden sind.

Welche Acredia-Produkte waren 2020 besonders gefragt?

Wir bieten ausschließlich Kreditversicherungen an. Das konkrete Produkt ergibt sich dann individuell aus Größe, Branche und Kundenstruktur des Versicherungsnehmers.

Es geht immer um die Absicherung offener Forderungen aus Lieferungen von Waren und Dienstleistungen ins In- und Ausland. Und nicht zu vergessen: Wir prüfen und überwachen laufend die Bonität der Kundinnen und Kunden unserer Versicherungsnehmer/innen.

Aufgrund der Lock-Downs und von Home-Office hat sich das Kundenverhalten geändert. Bemerken Sie eine größere Nachfrage nach digitalen Angeboten und Leistungen im Online-Vertrieb? Digitale Tools oder persönliche Beratung – wie sieht die Zukunft aus?

Künftig wird eindeutig eine Mischung aus beidem gefragt sein. Es gibt verschiedene Ansprüche und die muss man bedienen. Unser Produkt ist sicher erklärungsbedürftig und lebt vom regelmäßigen Austausch. Aber muss das immer und in jedem Fall persönlich vor Ort besprochen werden? Das glaube ich nicht. Kundinnen und Kunden wollen eine schnelle, freundliche sowie kompetente Antwort, die ihnen weiterhilft. Darauf kommt es an.

Welche Maßnahmen, die während der Corona-Pandemie durchgeführt wurden, werden in Ihrem Unternehmen beibehalten (Stichwort „Home-Office“...)?

Wir haben Acredia schon vor der Corona-Krise fit für Home-Office gemacht, das kam uns ab März letzten Jahres natürlich zugute.

Die vergangenen Monate haben uns gezeigt, wie verantwortungsbewusst unsere Mitarbeiter/innen handeln – gleich, ob im Büro oder zu Hause. Daher werden wir auf jeden Fall weiterhin auf eine sehr großzügige Home-Office-Regelung setzen. Außerdem werden wir Online-Meetings auf jeden Fall mehr Raum geben als vorher, sowohl mit Kunden als auch für interne Besprechungen.

Sie sind bekannt dafür, sich für die Stärkung der Rolle der Frauen in der Wirtschaft einzusetzen und beziehen dazu klar Position.

Vielfalt in der Wirtschaft trägt nachweislich zu besseren Unternehmensergebnissen bei. Die Stärkung der Rolle der Frauen in der Wirtschaft ist daher ein notwendiger Schritt für die strategische Verankerung von Gleichstellung in Unternehmen und in der Gesellschaft.

Diversität ist aber mehr als nur Geschlechterverteilung: Vielfalt trägt zu besseren Entscheidungen bei, zu mehr Innovation und zu neuen, mutigen Lösungen. Ein Gebot der Stunde, nicht nur für die Wirtschaft. Wir wissen aus aktuellen empirischen Untersuchungen, dass Unternehmen mit strategisch verankerter Gleichstellung optimistischer in die Zukunft blicken. Auch das ist für die erfolgreiche Bewältigung der enormen Herausforderungen entscheidend.

Ihre Insolvenzprognosen für 2021 und 2022?

Insolvenzen hängen nicht mehr vom Markt, sondern von den staatlichen Hilfsmaßnahmen ab. Solange diese andauern, ist das Insolvenz-Geschehen kein Spiegelbild der Realität.

Wir gehen derzeit davon aus, dass die Zahl der Insolvenzen bis Ende 2022 wieder steigen wird – das ist angesichts der historischen Tiefststände unvermeidlich. Die verschiedenen Branchen und Länder werden davon unterschiedlich stark betroffen sein. 

Zur Person

Gudrun Meierschitz ist Mitglied des Vorstandes der ACREDIA Versicherung AG und Fachvorstand Claims & Collections, Controlling, Finance, Information & Grading, IT, Risk Management, Risk Underwriting. Die Ökonomin und Risikoexpertin arbeitet seit vielen Jahren für Österreichs größte Kreditversicherung. Ab April 2013 war sie als Leiterin des Bereiches Risk Underwriting für nationale und internationale Kreditentscheidungen tätig. Seit 1. Juli 2017 ist Gudrun Meierschitz Vorstandsmitglied der ACREDIA Versicherung AG und zusätzlich Vorstandsmitglied der OeKB EH Beteiligungs- und Management AG.

Foto: Acredia Versicherung