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Karrierekiller Kind ?

Seit Jahren setzt sich die Industriellenvereinigung für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein. Nun gibt es erste Erfolge. Das flexible Kindergeld kommt und 8.000 neue Kinderbetreuungseinrichtungen werden in den nächsten drei Jahren geschaffen. Zu tun gibt es aber noch mehr als genug.

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Karrierekiller Kind ?

Mag. Georg Kapsch, Vorsitzender des IV-Ausschusses für Gesellschaftspolitik

Wenn Maria morgens ihre zweijährige Tochter versorgt hat und ein bisschen Zeit übrig bleibt, beginnt sie nachzudenken. Die studierte Informatikerin befand sich beruflich auf einem Höhenflug, am besten Weg, Karriere zu machen. Doch dann kam das Kind. Nicht ungewollt, es war ein wohlüberlegter Schritt, den die mittlerweile 34-Jährige machte. Alle Konsequenzen wurden abgewogen. Nächtelange Diskussionen mit dem Ehemann führten zu der Meinung, dass eine Auszeit grundsätzlich nicht schlecht sei und der Wiedereinstieg für eine hoch qualifizierte Mama machbar sein müsste.

Die Realität holte die Mutter jedoch relativ unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück. Nicht, dass es an guten Jobangeboten mangeln würde, doch wer kümmert sich während der Arbeitszeit um das Kind? Für ein Au-Pair-Mädchen ist in der kleinen Wohnung kein Platz, Eltern und Schwiegereltern fallen als „Babysitter“ aus. Bleiben nur noch Kinderbetreuungseinrichtungen, doch daran mangelt es hierzulande generell. Was also tun? Eine Frage, auf die es nur unzureichende Antworten gibt.

Heißes Eisen Kinderbetreuung
Sowohl Politik als auch Wirtschaft haben es bisher vortrefflich verstanden, sich das „heiße Eisen“ Kinderbetreuung gegenseitig zuzuwerfen. Die Finger wollte sich bislang aber keiner verbrennen und so blieb es bei halbherzigen Versuchen, Lösungen zu finden. Medienwirksam wurde unlängst ein interministerielles Arbeitsgespräch einberufen, konkrete Ergebnisse blieben aus. Vereinzelt wagen Politikerinnen einen Vorstoß, bemängeln die Zustände und fordern bessere Rahmenbedingungen, doch Mag. Markus Beyrer (li. oben), Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV) mit Dr. Veit Sorger, Präsident der IV Mag. Norbert Zimmermann (li.), IV-Präsident NÖ Mag. Georg Kapsch, Vorsitzender des IV-Ausschusses für Gesellschaftspolitik das Geld sitzt weder bei Bund noch Land locker, wenn es um den Nachwuchs geht.

Umso überraschender mutet es an, dass die Industriellenvereinigung (IV) sich bereits seit Jahren für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzt. Die gelungene Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist gesellschaftlich notwendig, ökonomisch sinnvoll und wird aufgrund der demografischen Entwicklung auch arbeitsmarktpolitisch immer stärker an Bedeutung gewinnen. „Arbeiten einerseits, Familie andererseits, sind die zwei wesentlichen Säulen menschlichen Lebens.
Es ist für unsere wirtschaftliche Zukunft, aber auch für den sozialen Zusammenhalt und die Lebensqualität entscheidend, dass die Menschen in unserem Land Beruf und Familie gut verbinden können“, so Mag. Markus Beyrer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung. Klar ist: Eine deutliche Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhöht die Chancen für Frauen, früher in das Erwerbsleben einzusteigen. Und das geht nur dann, wenn die Kleinen optimal betreut werden.

Hohe Qualitätsstandards und ausreichende Betreuung seien dabei im Interesse von Kindern und Eltern besonders wichtig, weiß Mag. Georg Kapsch, Vorsitzender des IV-Ausschusses für Gesellschaftspolitik. Er betont, dass die Wirtschaft die Frauen nicht zu Lasten der Kinder wieder früher im Job haben möchte, Familien jedoch eine qualifizierte Auswahl an Variantenbedarfsgerechter Kinderbetreuung benötigen. Ohne Kinderbetreuungseinrichtungen hätten sie diese Wahlmöglichkeiten nicht.


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Karrierekiller Kind ?

Flexibles Kindergeld und die Folgen
Eine Forderung der IV wurde bereits umgesetzt: Die Flexibilisierung des Kindergeldes. Nun wird es Eltern erstmals möglich, sich für eine kürzere Bezugsdauer bei höheren Bezügen zu entscheiden. Das Familienministerium geht davon aus, dass etwa 40 Prozent der Bezieher/innen sich künftig für eine kürzere Bezugsdauer entscheiden werden. Die Folgen: Es wird einen erhöhten Bedarf an Betreuungsplätzen für Kleinkinder geben. Und daran mangelt es.

„Österreich hinkt im europäischen Vergleich bei den Kinderbetreuungseinrichtungen nach“, weiß Michael Fuchs vom Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung. Für die IV erstellte er die Studie „Kinderbetreuungsplätze: Zwischen 10.000 und 100.000“. Das Ergebnis war ernüchternd: Aus Sicht der Eltern fehlten rund 46.000 Kinderbetreuungsplätze, vor allem für Kinder unter drei und zwischen sechs und 14 Jahren. Etwa 40.000 bestehende Plätze, insbesondere in den Altersgruppen von drei bis fünf Jahren und von sechs bis 14 Jahren, müssten qualitativ verbessert werden.

Hauptproblem: die für Berufstätige ungünstigen Öffnungszeiten. Nur jeder vierte
Kindergarten ist bis mindestens 17 Uhr geöffnet. Kindergärten sind im Durchschnitt 42 Tage pro Jahr geschlossen, Horte 28 Tage pro Jahr. Weitere relevante Faktoren, die von Eltern häufig genannt werden, sind unzumutbare Entfernungen und hohe Kosten. Rund 50.000 Frauen würden nach eigenen Angaben bei besseren Kinderbetreuungsangeboten neu oder in höherem Ausmaß arbeiten gehen.

OECD kritisiert Österreich
Nicht nur die IV sondern auch die OECD sieht in dieser Causa Handlungsbedarf. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit  und Entwicklung kritisiert, dass es in Österreich für Frauen sehr schwierig sei, nach der Geburt durchgehend einer (Vollzeit-)Beschäftigung nachzugehen. Diese Situation führe etwa dazu, dass die (teilzeitbereinigte) Einkommensdifferenz zwischen Männern und Frauen in Österreich trotz relativ hoher Frauenbeschäftigungsquote ungewöhnlich hoch sei.

Betreuung fördert Vollzeitarbeit
Längst sollte klar sein, dass der Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen sehr wichtig ist. Kleinstkinderbetreuung erhöht nicht nur die Beschäftigungsquote, der Effekt geht deutlich darüber hinaus und erhöht mittelfristig auch die Erwerbsbeteiligung von Müttern mit Kindern im Alter von drei bis fünf Jahren, so die IV. Noch stärker ist der Zusammenhang zwischen der Betreuungsquote von Kindern im Schulalter und dem Vollbeschäftigungsanteil beschäftigter Frauen mit Kindern dieser Altersgruppe. OECD-Erhebungen zeigten: Je höher die Betreuungsquote, desto höher der Vollzeitanteil.

Die Regierung reagiert
Einen ersten Vorstoß gibt es seitens der Bundesregierung bereits: In den kommenden drei Jahren sollen rund 8.000 neue Kinderbetreuungsplätze geschaffen werden. Die neuen Kinderbetreuungseinrichtungen sollen vor allem Kindern unter drei Jahren zur Verfügung stehen. Bereits im März 2002 haben sich die europäischen Staats- und Regierungschefs in Barcelona darauf geeinigt, dass es europaweit bis 2010 Kinderbetreuungsplätze für wenigstens 90 Prozent der Kinder zwischen drei und sechs Jahren sowie für 33 Prozent der Unter-Dreijährigen geben soll. Ob Österreich diese Zielsetzungen erreichen wird? In so manchem Bundesland schaut es diesbezüglich alles andere als gut aus. Für die IV steht fest, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur ein Thema für die Politik sein sollte. Auch Unternehmer können ihren Beitrag leisten.

Die Bandbreite reicht dabei von flexiblen Arbeitszeiten über Betriebskindergärten bis zur Bewusstseinsbildung. Um ihr Engagement weiter auszubauen, brauchen die Unternehmer jedoch die Unterstützung des Gesetzgebers. Bleibt schlussendlich nur die Feststellung: Wollen wir nicht wie Bertrand Russell den Müßiggang loben, dann gibt es noch genug zu tun. Einige Schritte wurden bereits gesetzt, viele weitere müssen folgen. Im Interesse der Frauen und natürlich der heimischen Wirtschaft.

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