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Kategorie: News/Verwaltung
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Adel verpflichtet: Die italienische Unternehmerin Ilaria Borletti Dell’Acqua Buitoni im ABW-Gespräch

Ilaria Borletti Dell’Acqua Buitoni entstammt einer bedeutenden italienischen Industriellendynastie, dennoch hat sie nie die Bodenhaftung verloren. Die erfolgreiche Unternehmerin ist für ihr soziales und kulturelles Engagement bekannt und überzeugt seit 2014 auch in der italienischen Politik. Austrian Business Woman sprach mit der Karrierefrau über ihren Werdegang, ihre Erfolgsgeheimnisse und darüber, was ein gutes Unternehmen ausmacht.

Zwei Dinge standen Frau Ilaria Borletti Dell’Acqua Buitoni immer ein wenig im Weg: die vielen Familiennamen und ihre unglaubliche, noch dazu etwas widerspenstige Haarfülle. Keine Frage, die Nachnamen gehören zu den feinsten Pedigrees des italienischen Unternehmertums. Die Borlettis gehören zu den Mailänder Unternehmehrdynastien, sie waren Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur erfolgreiche Maschinenbauer, der Großvater hatte auch Italiens erstes Kaufhaus, „La Rinascente“ gegründet, unter den Arkaden gleich beim Mailänder Dom, heute vom städtischen Inventar der Traditionsbauten gar nicht wegzudenken; der Name Buitoni kam dann mit der Heirat. Ihr Mann, Franco Buitoni gehört zum gleichnamigen italienischen Teigwarenimperiun. Dell’Acqua hieß der Urgroßvater, auch ein erfolgreicher Unternehmer, den Namen vermachte die Großmutter, im Gedenken an ihren Gemahlen, an die Nachfahren. Und was das Haar betrifft, so erzählt Ilaria Borletti Buitoni (Dell’Acqua wird meistens weggelassen), ihre Mutter hätte maßgeblich dazu beigetragen. Sie wollte nämlich auf keinen Fall ihr Kind unter dem Sternzeichen Fisch bekommen, und als das vorgesehene Geburtsdatum immer näher rückte, legte sie sich einfach ins Bett und hielt still ­– bis zum 22. März, dem ersten Widder-Tag, und dann ließ sie sich sofort ins Krankenhaus fahren. Wenige Stunden später, am 22. März 1955, kam Ilaria auf die Welt: ein kleines Geschöpf mit schwarzen, lagen Haaren und einem vor Wut verkrampften Gesicht. Vermutlich wegen der langen „Wartezeit“ bis zur Geburt, ist die Familie überzeugt.

 Markenzeichen „Innere Unruhe“

Mag sein, dass diese von der Mutter verzögerte Geburt auch zu der angeborenen inneren Unruhe von Borletti Buitoni beigetragen hat. „Ich bin ein neugieriger Mensch und liebe die Herausforderungen. Neue Projekte spornen mich stark an, wenn ich aber dann mein Ziel erreicht habe, suche ich mir sofort eine neue Herausforderung.“ Und in der Tat ist die Liste der Unternehmen, an denen sie sich beteiligt hat, lang. Sobald Ilaria volljährig war (Anm.: damals war man es mit 21 Jahren), suchte sie mit einem Freund nach lukrativen Investitionsmöglichkeit (ihr Vater, der nach einem tragischen Sturz vom Pferd mit 54 Jahren gestorben war, hinterließ ihr ein kleines Vermögen). Schon bald bot sich eine interessante Gelegenheit: Zum Verkauf stand ein  Pharmaunternehmen in der Nähe des Como Sees. „Sogar der Verkäufer hielt uns für verrückt. Damals, Anfang der 70er Jahre, waren Investitionen in dieser Branche noch nicht sehr begehrt“, erzählt Borletti Buitoni. Doch die zwei Jungunternehmer ließen sich nicht beirren und wurden im Laufe der Jahre äußerst erfolgreich. Auch das Unternehmen, dass sie Jahre später mit Freunden in London gründete – eine Zeitung ohne Werbung – bewies sich, wenngleich erst nach einer etwas längeren Durststrecke, als Volltreffer.


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Adel verpflichtet: Die italienische Unternehmerin Ilaria Borletti Dell’Acqua Buitoni im ABW-Gespräch

Energiegeladen und effizient

Das Erfolgsgeheimnis der Aristokratin: „Ich habe mich immer auf mein Gespür verlassen und wusste, dass alle Schwierigkeiten zu meistern sind.“ Zwischen der Arbeit für den Pharmakonzern und der Zeitung fuhr sie jedes Jahr für einen Monat nach Afrika, in den Norden Kenias. Dort befand sich eine sehr fortschrittliche Krankenstation. Gegründet hatte sie der Italiener Silvio Prandoni. Alle vierzehn Tage landete ein Flugzeug von AMREF, einer afrikanischen Organisation – in den 1950er Jahren von englischen Ärzten, Pflegern und Erziehern gegründet – und setze ihre „Flying Doctors“ ab. Es sollte nicht lange dauern, bis man Ilaria Borletti Buitoni die Leitung von AMREF Italia anbot. Nachdem ihr englisches Zeitungsunternehmen finanzielle abgesichert war, kam sie nach Italien zurück und übernahm die Leitung des Fondo Ambiente Italiano (FAI), einer Stiftung zum Schutz und der Erhaltung vieler italienischen Villen, Paläste und Kunststätten. Bei AMREF und FAI handelt es sich nicht um klassische Unternehmen, Borletti Buitoni managte sie jedoch genauso wie Firmen. Ihr Credo: „Man sollte nie den Fehler begehen, ineffizient zu sein“, sagt sie. Als sie die Leitung des FAI übernahm, hatte die Stiftung kaum mehr Geld, seit Jahren war auch die Mitgliederzahl nicht gewachsen. Sie machte sich also an die Arbeit, krempelte die gesamte Organisation um, schaffte wieder Profite und die Zahl der Mitglieder begann stetig zu steigen. „Der Charty-Bereich ist heute, genauso wie jeder andere Unternehmensbereich, einem starken Wettbewerb ausgesetzt. Wenn die Profite aber für einen guten Zweck eingesetzt werden, ist es ja noch besser“. In ihrem Engagement für Wohltätigkeitsunternehmen ist aber auch ein einst für das Mailänder Großbürgertum typischer Zug wiederzuerkennen. „Meinem Großvater und meinem Vater ging es nicht nur ums Geschäft, man fühlte auch eine Verantwortung gegenüber der Stadt, der Gesellschaft, der Kultur in der man lebte, und zu deren Fortschritt man beitragen wollte“, so Borletti Buitoni. „Und das war auch immer mein Anliegen.“ Wie auch eine bestimmte Unternehmensphilosophie. „Erfolg gründe sich auf zwei Säulen. Wichtig ist dabei natürlich ein innovatives Produkt, doch genauso wichtig ist auch das Arbeitsumfeld. Anders gesagt: die Mitarbeiter müssen sich im Unternehmen wohlfühlen. „In England zum Beispiel saßen unsere Mitarbeiterinnen stundenlang vor dem Computer“, erinnert sich Borletti Buitoni. Die Lösung: Es wurden  Massagen für die Damen angeboten und ein Raum zum Entspannen eingerichtet.

Für eine Frauenquote in Italien

Ilaria Borletti Buitoni hat es weit gebracht: 2012 wurde sie zum Mitglied des Aufsichtsrates der Banca d’Italia, Italiens Notenbank, ernannt. 2013 stieg sie in die Politik ein und wurde ins Parlament gewählt. Seither ist sie Staatssekretärin im Kulturministerium. Eine steile Karriere in einem Land das, wie sie selbst sagt, jahrzehntelang von zwei Kirchen beherrscht wurde: von der katholischen und der kommunistischen. Beide Institutionen waren alles anders als geneigt, den Erfolg von Frauen im Berufsleben zu fördern. Sie selbst wurde weder mit Einschränkungen noch mit Vorurteilen konfrontiert. „Das verdanke ich aber dem Milieu, aus dem ich komme“, meint Borletti Buitoni. Und was hält die Powerfrau von einer Frauenquote? „Theoretisch wäre ich ja nicht dafür, ich weiß aber, dass wir in Italien ohne Quote nie den Rückstand, den wir gegenüber anderen Ländern haben, aufholen können.“ Als sie 1984 ihre Doktorarbeit schrieb, hatte sie sich als Thema „Die Arbeit der Frauen im Reifenunternehmen Pirelli“ ausgesucht. „Zu jener Zeit gab es bei Pirelli eine einzige Frau im Management“, erzählt sie. „Und um auf diesen Posten zu kommen, musste sie auf eine eigene Familie verzichten. Damals hatten erfolgreiche Frauen ihre maskulinen Seiten hervorzuheben“. Borletti Buitoni ist davon überzeugt, dass Frauen in den nächsten Jahren immer bitterer benötigt werden, will man die produktiven und wettbewerbsfähigen Standards die verlangt werden, einhalten. „Italien hat ja schon Quoten in der Politik, in den Wirtschaftsräten“, so Borletti Buitoni. Leider sei die Mentalität, besonders in der Politik, noch immer sehr sexistisch. Aber die Unternehmerin ist zuversichtlich: Irgendwann werden sich auch diese Zustände ändern, daran zweifelt die Staatssekretärin keine Sekunde und hält es mit einem Spruch ihres geliebten Großvaters: „Morgen ist ein neuer Tag.“