Drucken
Kategorie: Karriereportaits öffentliche Verwaltung
austrian-business-womanstella-rolligbarbara-mucha-media

Stella Rollig, Belvedere Wien: "Aktuell agieren wir ohne Planungs-sicherheit"

Wie man seitens des Belvederes mit der Ausnahmesituation umgeht und warum Zukunftsprognosen derzeit sinnlos sind, verrät Stella Rollig im Austrian Business Woman-Interview. 

Wie gut wird das „Digitale Belvedere“ von den Menschen angenommen?

Wir haben unmittelbar nach der Schließung damit begonnen, Online-Kurzführungen zu Kunstwerken aus der weltberühmten Belvedere-Sammlung anzubieten. Täglich um 15 Uhr auf unseren Social Media Kanälen (Facebook, Twitter, Instagram, Youtube). Dieses Angebot wird mit Begeisterung angenommen. Mehr als 700.000 Menschen haben die Führungen wahrgenommen und 200.000 haben sie tatsächlich angesehen. Deshalb werden wir auch nach der Wiedereröffnung unser digitales Angebot intensivieren.  

Gibt es spezielle Strategien zur Positionierung des Belvederes nach Corona?

Unser Fokus bei der Programmgestaltung liegt derzeit auf dem lokalen Publikum. Das Belvedere wird in den nächsten Monaten eine neue Besuchsqualität bieten können. Nie wieder werden Sie im Oberen Belvedere so viel Platz für sich haben! Wir hoffen sehr, dass dies möglichst viele Menschen aus Österreich nutzen werden. Wir rechnen zudem mit einem großen Bedürfnis nach Vermittlungs- und Familienprogrammen.  Das Untere Belvedere hat als eines der ersten Museen in Wien bereits am 15. Mai geöffent. Besonders attraktiv: Täglich bieten wir für die Ausstellung „Into the Night. Die Avantgarde im Nachtcafé“ kostenlose Führungen in kleinen Gruppen an.     

Mit welchen Problemen hat das Belvedere in den kommenden Monaten zu kämpfen?

Das Belvedere wurde von der Krise besonders stark getroffen. Durch die Schließung sind unsere Einnahmen von einem Tag auf den anderen weggebrochen. In den vergangenen zwei Monaten verloren wir das Ausstellungsbudget für ein ganzes Jahr. Wir müssen also mit geringerem Budget planen, ohne an Attraktivität einzubüßen. Als größte Herausforderung empfinde ich die derzeitige Ungewissheit: Wir haben keine validen Zukunftsprognosen. Wie schnell werden ausländische Gäste wiederkommen und in welcher Zahl? Wird unser Eigentümer, der Staat, den Einnahmenentfall kompensieren, wird er die längst fällige Erhöhung der Basisabgeltung für Bundesmuseen umsetzen? Welche Regeln werden für Veranstaltungen gelten? 

Sind Sie zufrieden mit den Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft?

Für uns als Kultureinrichtung hat sich gezeigt, dass die Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft in unserem Bereich nicht immer optimal übertragbar sind. Zum Beispiel das Thema Kurzarbeit: Wir haben 200 von 300 Mitarbeitern in Kurzarbeit, dies hilft uns sehr, Budgetmittel einzusparen. Gleichzeitig hindert die Kurzarbeit uns aber daran, wichtige Arbeiten in der Forschung, der Sammlungsbetreuung oder Restaurierung durchzuführen, die besonders während der Schließphase möglich wären. Aktuell agieren wir ohne Planungssicherheit. Vertreter der Regierung haben uns versichert, dass es eine Unterstützung für den Wegfall der touristischen Einnahmen geben wird. Wie diese aussehen wird und wie hoch diese sein wird, wissen wir allerdings nicht, noch nicht.  

Wie haben Sie die Zeit des Lockdowns verbracht?

Ich erledigte den Großteil meiner Arbeit im Homeoffice, per Videomeetings, Telefonaten und Email. Das funktionierte sehr gut. Ich war aber auch mehrmals in der Woche im Belvedere, um die Vorbereitungen für die Wiedereröffnung vor Ort zu (beg)leiten. 

Was empfehlen Sie Unternehmerinnen, die von der Krise betroffen sind?

Die Corona-Krise ist für uns alle eine völlig neuartige Herausforderung, bei der sich die Anforderungen fast täglich ändern. Empfehlungen scheinen mir in dieser Situation unangemesssen. Im Belvedere setzen wir auf flexibles und rasches Handeln, auf Denken in Alternativen bzw. in mehreren Szenarien und auf eine möglichst transparente Kommunikation an alle Mitarbeiter.  

Foto: Ingo Pertramer, © Belvedere Wien