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Kategorie: Karriereportraits Versicherungen
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ABW-Serie: Erfolgreiche Managerinnen der CEE-Regionen

ABW sprach mit Anna Włodarczyk-Moczkowska, CEO der Wiener T.U., einer polnischen Versicherung, die zur österreichischen Vienna Insurance Group gehört.

Frau Włodarczyk-Moczkowska, sie leiten mit der Wiener T.U. eine Versicherung in Polen, in einer doch noch eher von Männern dominierten Branche. Wie erleben Sie den beruflichen Alltag?

Vorstandsmitglied einer Versicherungsgesellschaft bin ich 2001 geworden, als es an der Spitze nur wenige Frauen gab. 2012, als ich CEO der Gothaer, heute Wiener wurde, waren die Vorstandsetagen der zehn größten Versicherungsgesellschaften Polens immer noch von Männern dominiert. Seitdem hat es sichtbare Veränderungen gegeben - die Zahl der Frauen in Führungsfunktionen hat in der Versicherungsbranche wesentlich zugenommen. Auch der größte polnische Versicherer wird heute von einer Frau geleitet.

Allerdings ist die Situation immer noch nicht in allen Branchen so vielversprechend. Die UNO hat im März 2020 einen schockierenden Bericht veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass 90% der Menschen verschiedene Arten von Vorurteilen gegenüber Frauen haben, indem sie erklären, dass Männer bessere Politiker und Geschäftsleute wären, mehr Recht auf Arbeit hätten und sogar ... ihre Frau schlagen dürften. Schockierend, nicht wahr? Wir haben noch viel zu tun, gemeinsam: Frauen und Männer. Ich bin tief überzeugt, dass die Zahl der Frauen in der Wirtschaft steigen wird. 

Welche Managementqualitäten soll eine Führungskraft aus Ihrer Sicht haben und gibt es da Unterschiede zwischen Männer und Frauen? 

Manager zu sein, ist für mich keine Geschlechterfrage. Dies basiert auf Kompetenz und Engagement. Der Schlüssel zur Führungsrolle liegt in der Mission und dem Charisma, mit dem wir diese Rolle ausüben. Ich sehe schon die Unterschiede in den Führungsstilen von Männern und Frauen, und ich schätze es sehr, da die Vielfalt der Führungsstile die Organisation wesentlich verstärkt. Frauen haben sicherlich die Fähigkeit, subtile Signale zu empfangen, sprich „zwischen den Zeilen“ zu lesen.

Sie bringen viel Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit mit, Herausforderungen auf einer breiten Basis zu betrachten. Meine Erfahrung zeigt, dass Frauen häufiger andere Frauen wählen und fördern, sie oft in ihrer Entwicklung mobilisieren. Gemischte Teams sind meiner Meinung nach viel effektiver und kreativer.

Wie beschreiben Sie Ihren Führungsstil?

In unserem Team schätze ich hohe Kompetenz, Offenheit, Mut und Unabhängigkeit sehr. Das Unternehmen soll in der Lage sein, auch in Abwesenheit des Managers effizient zu arbeiten. Ich lasse meinen Mitarbeitern viel Freiraum, wobei ich darauf achte, dass sie mit den Zielen und der Strategie des Unternehmens im Einklang stehen. In der Wiener sind wir in erster Linie ein Team. Wir arbeiten eng zusammen, wir duzen alle. Wir haben einen Arbeitsstil entwickelt, der auf Pragmatismus, Transparenz und Eingehen auf die Kundenbedürfnisse basiert.

Seit vielen Jahren setzen wir bei der Wiener auf starke fair-play Beziehungen zu unseren Geschäftspartnern. Das Vertrauen hat sich während des Rebrandings im Juli 2019 stark gezeigt, als mit einer völlig neuen Marke auf dem polnischen Markt auftraten. In dem Moment verzeichneten wir die besten Verkaufsergebnisse.

Wie war der Weg zum CEO für Sie? Gab es Hürden oder Mentoren oder mussten Sie, wie viele Managerinnen meinen, mehr Leistung zeigen als männliche Kollegen?

Mein Karriereweg basiert auf einer ziemlich klaren Vision dessen, was ich in meiner Karriere verfolgen will, eines Ausbildungsplans, Menschen, die an mich und mein Potenzial glaubten, meinem Mut und meiner Entschlossenheit.

Natürlich gab es Hindernisse und Herausforderungen, aber sie waren der Marktsituation geschuldet und hatten nie etwas damit zu tun, dass ich eine Frau bin. Wobei ich manchmal auch eine weibliche Pionierin gewesen bin. Ich hatte die Ehre, die Polnisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer (AHK Polen) als Präsident, oder als Präsidentin, wie meine Kolleginnen von der Kammer mich nannten, zu leiten. 

Wie gehen Sie als Versicherungsunternehmen, dessen Hauptaufgabe es ist, Risiken des täglichen Lebens abzusichern, mit der Coronakrise um? 

Das Coronavirus war eine große Herausforderung für die gesamte Branche. Keiner von uns war darauf vorbereitet, und heute ist die Erfahrung der letzten Monate ein Wendepunkt für viele Unternehmen. Außergewöhnliche Herausforderungen erfordern besondere Arbeitsmethoden und große Flexibilität.

Unsere Priorität in den letzten Wochen war es, die Sicherheit unserer Mitarbeiter, Agenten und Kunden zu gewährleisten. Dank der vollen Mobilisierung unseres Teams konnten wir diese Herausforderung meistern. Wir haben die Geschäftskontinuität aufrechterhalten und die notwendigen Prozesse effizient von offline auf online verlagert. Wir implementieren u.a. eine neue Vertriebsplattform mit schnellen, bequemen und intuitiven Vertriebswegen - 100% ohne Papier. 

Wie haben sie die Wochen seit Ausrufung der Covid-19 Pandemie persönlich erlebt?

Mein Tageskalender hat sich diametral verändert, denn es sind häufige, praktisch wöchentliche Dienstreisen verschwunden. Theoretisch habe ich viel Zeit gewonnen, aber dieser Platz füllte sich sofort vollständig. Abgesehen von projektbezogenen Angelegenheiten, die mit dem Tagesgeschäft des Unternehmens zu tun haben, habe ich viel mehr Zeit als vorher im Team verbracht und tue es immer noch. Wir alle brauchen persönliche Unterstützung, einen Moment des Gesprächs. 

Für uns Frauen bedeutete die mit der Epidemie verbundene Zeit, Home-Office und Fürsorge für die Familie unter einen Hut zu bringen, sprich die Arbeit zu Hause neu zu organisieren. Man sagt, die Pandemie habe das Gesicht einer Frau gehabt, denn es war unser Geschlecht, das uns vor viele Herausforderungen stellte. Häusliche Pflichten, Online-Lernen mit Kindern, Arbeit – und das alles unter einem Dach und oft zur gleichen Zeit. Dies war auch bei mir der Fall, die pädagogische Basis der 5. Klasse der Grundschule meines Sohnes aufzufrischen.

Glauben Sie, dass diese Ausnahmesituation zu einer Veränderung von Unternehmensstrategien führen wird?

Ja, diese Veränderungen vollziehen sich vor unseren Augen. Die wichtigste und dauerhafteste Veränderung wird die weitreichende Digitalisierung der bisherigen papierbasierten Prozesse sein. Es wird kein Unternehmen geben, das sein Arbeitsmodell nicht ändern wird. Fernarbeit wird trotz der langsamen Rückkehr in die Büros zu einem wichtigen Trend. Ebenso die Angst vor einem erneuten Lockdown. Die Anpassung von Dienstleistungen und Produkten an neue digitalisierte Kundenbedürfnisse wird für das Unternehmen von großer Bedeutung sein.

Cybersicherheit wird ein weiteres wichtiges Thema in der Online-Welt. Datendiebstahl, Phishing, Viren – das ist die dunkle Seite der Veränderungen, die zusammen mit der Epidemie gekommen sind. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass ungeschützte Systeme ein perfekter Nährboden für Hackeraktivitäten sind. Angesichts der prognostizierten zweiten Welle des Coronavirus wissen wir bereits, dass die kommenden Wochen ein idealer Zeitpunkt sind, um Teams und Prozesse vorzubereiten, um die nächsten Herausforderungen, die der Herbst bringen kann, effizient zu meistern.

Was macht Ihnen an Ihrem Job besonders viel Freude?

Mit einem fantastischen Team zu arbeiten, das mich motiviert und inspiriert. Jeden Tag fahre ich ins Büro, neugierig auf weitere Gespräche, Treffen und Absprachen. Die Versicherungsbranche ist vielfältig wie keine andere. Ich bin stolz darauf, die Versicherungsbranche seit vielen Jahren mitgestaltet zu haben. Versicherungsgesellschaften wirken als Stabilisator der Konjunkturzyklen, da sie langfristige Investoren in die Binnenwirtschaft und polnische Unternehmen sind. 

Und wenn Sie nicht mit Versicherungen beschäftigt sind, was steht privat bei Ihnen im Mittelpunkt Ihrer Interessen? 

Ich liebe das Reisen und unter diesen außergewöhnlichen Umständen musste ich viele Pläne verschieben. Der Plan für die nächsten 25 Jahre bleibt jedoch immer aktuell: jedes Jahr möchte ich mindestens zwei neue Länder besuchen. Meine Freizeit verbringe ich aktiv mit der Familie. Wir lieben es, wenn viel los ist. Ich zeige meinem Sohn die Welt und bringe ihm neue Fähigkeiten bei. Gemeinsam entdecken wir immer wieder neue Länder, tauchen und probieren neue Aktivitäten aus. Es ist sehr inspirierend zu beobachten, wie ein Kind die Realität um uns herum aufnimmt und seine Horizonte erweitert.

Zur Person:

Anna Włodarczyk-Moczkowska

Absolventin der Warschauer Hochschule für Wirtschaft und der Universität in Lodz. Seit 1995 in der Versicherungsbranche tätig, seit 2012 CEO der Wiener TU S.A. Vienna Insurance Group. Seit 2013 - Mitglied und seit 2016 - Vorsitzende des Prüfungsausschusses des Polnischen Versicherungsverbandes. Im Jahr 2010 erhielt sie das bronzene Verdienstkreuz für ihren Beitrag zur Entwicklung des polnischen Versicherungsmarktes. Von 2013 bis 2020 war sie Vorstandsmitglied der Polnisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer, von 2018-2020 in der Position der Kammerpräsidentin.

Foto: VIG