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Dr. Elisabeth Freismuth, Rektorin der Kunstuni Graz: Ein Leben für die Kreativität

Seit zwei Jahren steht sie an der Spitze der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Ein Austrian Business Woman-Gespräch über schöne Momente, kreatives Arbeiten und die Gefahren für die geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer.

Sie sind seit etwas mehr als zwei Jahren Rektorin der Kunstuniversität Graz – was ist in dieser Zeit passiert?

Ich denke, wir haben die Universität in vielerlei Hinsicht deutlich weiterentwickelt. Ich konnte exzellente Neuberufungen für die Besetzung von wichtigen Professuren machen, was an einer Kunstuniversität von größter Bedeutung ist - noch immer treffen Kunststudierende  weltweit ihre Entscheidungen, wo sie studieren werden, in Abstimmung damit, wer sie unterrichten wird. Zugleich spricht der Umstand, dass es uns gelungen ist, exzellente KünstlerInnen und Forschende zu engagieren auch dafür, dass wir es immer besser schaffen, die international erstklassigen Qualitäten unseres Hauses nach außen profilschärfer sichtbar zu machen - vor Ort wie in den internationalen Szenen.

Was macht die Faszination Ihrer Tätigkeit aus?

Es ist einfach wunderschön an der Ausbildung junger Menschen, die so viel Passion für ihr Fach haben, beteiligt zu sein, sie in ihrer Entwicklung im Haus und auch später außerhalb unserer Universität zu verfolgen - und zu wissen, man hat Anteil daran. Irgendwann sehen Sie einen großartigen Musiker, eine tolle Schauspielerin auf der Bühne und wissen, Sie haben sie/ihn ein Stück des Weges begleitet. Das ist beglückend!

Die Höhepunkte 2016?

Es gibt eine Menge an wunderschönen Momenten, die sich nicht gegeneinander ausspielen lassen: Unsere SchauspielerInnen beim Schauspielschultreffen in der Schweiz, wo sie mit einer aus der Krise geborenen Eigenentwicklung den Hauptpreis gewonnen haben, das war emotional ein ganz großer Moment für mich. Oder der junge Geiger, der mit unserem Orchester unter der Leitung des neuernannten Professors für Orchesterdirigieren den Musikverein zum Staunen brachte. Die Uraufführung der Operninstallation Paradise im steirischen herbst, bei der das ganze MUMUTH bespielt wurde, eine wahre Festspielproduktion – und jetzt folgen noch alle Aktivitäten im Rahmen unseres 200-Jahr- Jubiläums. Ich bin sicher, da kommt viel Eindrückliches hinzu.

Was ist für kommendes Jahr geplant?

Wenn ich, wie oben erwähnt, von Erfolgen spreche, sind das stets Markierungen am Weg. Wir sind in unserer Arbeit nie am Ziel. In diesem Sinne arbeiten wir weiter an einer noch besseren Positionierung unseres Hauses – und zwar in allen Bereichen. Es gibt jene, wo wir zur Weltspitze zählen, wie im Jazz, in der Elektronischen Musik, in der zeitgenössischen Komposition –  diese Position müssen wir halten und zugleich noch besser sichtbar machen. Und es gibt jene Bereiche, wo wir, wie etwa im Schauspiel, gerade durchstarten, hier müssen wir dran bleiben. In Bereichen, die wir noch besser entwickeln müssen – auch die gibt es –  gilt es Schritte zu setzen, die genau das ermöglichen. Im Studienjahr 2016/17 feiern wir unser Jubiläumsjahr: Mit zahlreichen künstlerischen und wissenschaftlichen Veranstaltungen, Reihen und Publikationen wird auch dies zu einer Plattform, die eine ambitionierte Positionierung des Hauses im internationalen Kontext möglich macht.

Was sind die größten Herausforderungen für die heimischen Universitäten?

Die Herausforderungen sind sehr oft spezifischer Natur. Gemeinsame Themen sind die internationale Positionierung und die finanzielle Absicherung der Universitäten. Vor allem für die Künste und die geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer sehe ich eine große Gefahr in der zunehmend geforderten Fokussierung der Universitätslandschaft auf den vordergründig wirtschaftlich relevanten Ausbildungsbetrieb, das geht zulasten der freien Wissenschaft, der Bildung in einem umfassenden Sinn, zu Lasten von Grundlagenforschung und diskursorientierter Geistes- und Kulturwissenschaften. Unsere Gesellschaft und auch unsere Wirtschaft werden so mittelfristig einer ihrer tragenden Säulen beraubt. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Herausforderungen wie der Flüchtlingskrise oder dem weltweit erstarkenden Populismus benötigen wir aber diese Grundlagen mehr denn je.

Wie beschreiben Sie Ihren Arbeitsstil?

Meine Energie schöpfe ich aus der Begeisterung für meine Arbeit, ich bin allerdings auch sehr diszipliniert, was angesichts der Arbeitsfülle mehr als hilfreich ist. Kreativität und strukturelle Klarheit sind für mich kein Widerspruch, sondern greifen fast wie Zahnräder ineinander, das ist gut, denn als Rektorin trägt man eine hohe Verantwortung.

Was macht die Faszination „Kunst“ aus?

Für mich persönlich ist es die Entschiedenheit, die Kunst verlangt, das entschlossene Einstehen eines Künstlers, die klare Identifikation: Kunst ist nie eine halbe Sache… und natürlich dieses Phänomen, durch eine künstlerische Aussage emotional so eingenommen, so berührt zu werden.

Was schätzen Sie an Ihren Mitarbeitern?

Mir ist es sehr wichtig, die Qualitäten jeder/s einzelnen Mitarbeitenden zu sehen und das mit gebührender Wertschätzung. Insgesamt ist es wundervoll an einem Haus zu arbeiten, an dem so viel Feuer, Inspiration, Kompetenz und Herzblut für die Kunst zuhause ist – nicht nur im künstlerisch-wissenschaftlichen Bereich, auch in der Verwaltung. Ich habe das zuletzt in einer großen Runde an der Universität so formuliert: „Erlauben Sie mir als Rektorin auch einmal emotional zu sein, aber ich bin richtig stolz auf Sie“.

Warum gibt es noch immer so wenige Rektorinnen?

Die sogenannte gläserne Decke ist im Wissenschaftsbetrieb zweifellos besonders dick, das hat viele Gründe. Aber wir erleben in diesem Beruf immerhin in den letzten Jahren eine Trendwende. Damit sollen wir uns nicht zufrieden geben, doch es soll uns allen sagen, dass Veränderung möglich ist. Und schauen Sie in die Grazer Kunstszene: Oper, Schauspiel, Steirischer Herbst, Kunstuniversität – vier Frauen in den zentralen Positionen, das ist doch gut!

Das Geheimnis Ihres Erfolges?

Ganz entscheidend ist, aus der Begeisterung für die Sache Kraft zu schöpfen,Visionen zu entwickeln und ihre Realisierung konsequent zu verfolgen, mir selbst hohe Qualitätslevel zu legen und dann mich so richtig freuen zu können, wenn uns etwas gelingt – und frei zu bleiben!

Bitte ergänzen Sie die nachfolgenden Sätze:

Wenn ich Zeit habe... dann gehe ich in die Oper, ins Theater, ins Konzert oder ins Kino.

Entspannen kann... ich im Süden: gute Bücher, blauer Himmel, ein warmes Meer, köstliches Essen – von allem ganz viel! 

Zuletzt gelacht habe ich... als ich mir wieder einmal den Film „Philadelphia Story“ angeschaut habe. Cary Grant, Katharine Hepburn – at their best!

Mein Traum wäre... eine richtig schöne, lange Weltreise.

Foto: www.bigshot.at/Christian Jungwirth