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Abstraktion und Internationalität: Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin vienna-contemporary

Christina Steinbrecher-Pfandt, künstlerische Leiterin der „viennacontemporary“, im ABW-Gespräch über die Kunstmesse, ihre Liebe zu Wien und die Faszination des Jobs.

Schildern Sie uns bitte kurz Ihren Werdegang.

Ich wurde in Taldy-Kurgan, Kasachstan, geboren. Mein Vater ist Deutscher und meine Mutter Russin. Mit acht Jahren kam ich nach Köln, fing ab 13 Jahren aktiv an, die Museen der Stadt zu besuchen. Ich habe gegenüber dem Museum Ludwig gewohnt und habe alle Ausstellungen gesehen. 2002 hat Kaspar Koenig als neuer Direktor des Ludwig Museums die erste Show von Matthew Barney gezeigt. Da war es um mich geschehen. Ich wusste: Kunst und Kultur sind mein Leben. Allerdings habe ich dann erstmal begonnen, BWL an der Maastricht Business School zu studieren und habe das Studium dann auch zu Ende gebracht. Gleichzeitig habe ich auch Kunstgeschichtskurse belegt. Ich habe mich für den Master an diversen Business Schools beworben, wurde genommen, aber es wollte sich keine Freude einstellen. Ich bin in mich gegangen und habe mich gefragt, was ich eigentlich leisten will im Leben. Mein Ziel war es nicht die Gewinne von Banken zu steigern, sondern Menschen Kultur näher zu bringen. So habe ich dann den Master in Kunstgeschichte in London gemacht und habe dort für private Sammler und in Galerien im Osten der Stadt angefangen zu arbeiten. Alle und jeder interessierte sich damals für neue junge Kunst. Volker Diehl lud mich 2008 ein, seine Moskauer Galerie zu leiten und ich zog von London nach Moskau. Gleichzeitig hatte ich in London den Künstler Jeremy Deller (er hat 2013 den Britischen Pavillon in Venedig bespielt) kennengelernt und er fragte mich, ob ich ihm bei einem Projekt für das Palais de Tokyo helfen könne – 2009 war dann die Ausstellung zu sehen. Ich habe noch diverse Ausstellungen und Projekte kuratiert. 2010 übernahm ich die künstlerische Leitung der Art Moscow. Das habe ich bis 2012, bis ich zur Wiener Messe kam, gemacht.  

Was macht für Sie die Faszination „Kunst“ aus?

Die Welt verstehen. Kunst ist tägliche Kultur und die Erschließung der Welt durch viele Perspektiven. Interesse an Kunst und Kultur, der eigenen aber auch der Fremden, reduziert Konflikte und Kunst ist eine Plattform zur Verständigung. Je mehr Kunst und Kultur, um so mehr Dialog.

War es schwierig, sich als junge Frau am Kunstmarkt zu behaupten?

Nein, ich hatte Glück, am richtigen Ort zu sein. Vor der Krise 2008 in London war die Welt mehr als in Ordnung und alles ging schnell und alles war möglich. So ging das Netzwerken einfach und harte Arbeit zahlte sich aus. Ich habe im Jobeinstieg 24/7 gearbeitet, Wochenenden gab es nicht. Motto: Freizeit ist Beruf und Beruf ist Freizeit. Jetzt, in einer Seniorposition, wird es als noch junge Frau schwieriger. Männer kommunizieren einfach anders und haben ihre Rituale. Meine Devise lautet: Absolut professionell und nach internationalen Standards zu arbeiten. Bisher hat es sich bewährt.

Woran liegt es, dass „die Kunst“ (zahlenmäßig) noch immer von Männern dominiert wird, während die Vermarktung und Ausstellungsverantwortung verstärkt in Frauenhänden liegt?

Es liegt an den Männern, dass es zu wenige Frauen gibt. Männer befördern und protegieren Männer. Männer teilen Frauen Rollen zu. Ich denke, immer mehr Frauen steigen in Führungspositionen auf und das ist richtig so. Was ich sehe ist, dass sich das Bild stetig ändert, es wird normal, dass überall Frauen in Aufsichtsräten sitzen. Frauen arbeiten effizienter und sind zielorientiert und nicht selbstfixiert. Männer tendieren Zeit und Emotionen zu verschwenden. Frauen verstehen es zu kommunizieren und Interessen zu berücksichtigen.

Welche (Nachwuchs-) Künstlerinnen sind für Sie derzeit besonders spannend?

Cyprien Gaillard, Marcin Zarzeka, Pe Lang, Mladen Bizumic und Kerstin von Gabain und Christoph Weber.

Worauf ist Ihre persönliche Erfolgsgeschichte zurückzuführen?

Ich habe in verschiedenen Kulturkreisen gelebt, mir fällt es einfach, mich in Personen hineinzudenken. Ich habe immer sehr viel und zielorientiert gearbeitet und zwar im Interesse meines Arbeitgebers und tue dies auch weiterhin. Ich übernehme immer Verantwortung und stehe ein für meine rationalen Entscheidungen.

Kunst bedingt, speziell in heutiger Zeit, Kommerz – ist das nicht ein Widerspruch?

Kunst wurde immer schon gehandelt. Im 20. Jahrhundert wurde Kunst erschwinglich und eben nicht nur für Mäzen käuflich. Kunst geht in die „Breite“ und wird so relevant für jeden Menschen. Ich finde es gut, dass viele Leute darüber nachdenken, Kunst zu kaufen und es auch tun. Kunst kann man auch für erschwingliches Geld erstehen, dann hat man ein Unikat und Kultur daheim in den eigenen vier Wänden.

Was ist für Sie die größte Herausforderung als künstlerische Leiterin der „viennacontemporary“?

Ich denke, das erste Jahr war eine sehr große Herausforderung, wir hatten sechs Monate Zeit, die Kunstmesse zu eröffnen. Wir haben kaum gegessen und wenig geschlafen und waren an den Grenzen der Belastbarkeit angekommen.

Wie leicht/schwer ist es, Künstler/Galerien zur „viennacontemporary“ nach Wien zu bekommen?

Es wird immer leichter. Wir sind im vierten Jahr und der internationale Kunstzirkus kennt uns und schaut auf uns. Wir, als Team, und ich glauben an eine gute internationale Kunstmesse in Wien.

Ihr Lebenslauf verrät, dass die Stadt Wien nur eine von vielen Ihrer Stationen ist – wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ich fühle mich inzwischen sehr Zuhause in Wien. Meine Tochter ist in Wien zur Welt gekommen und geht im siebten Bezirk in den Kindergarten. Ich liebe auch den Londoner Osten, wo immer noch viel Bewegung durch kreativen Start up entsteht.

Mit welchen Schwierigkeiten haben Sie in Österreich zu kämpfen, was bewerten Sie positiv?

Ich denke, am Anfang waren erst ein Mal alle erstaunt, dass zwei junge Frauen die Leitung übernommen haben. Zwei Frauen, die nicht aus Wien kommen. Die Aufwärmphase war nicht einfach, weil alles schnell gehen musste. Wir kamen einfach nicht aus der Wiener Szene selbst. Ich bin jetzt vier Jahre hier und angekommen, ich pflege konstruktive und gute Kontakte zu den Kollegen und bin auch privat angekommen.

Wie beurteilen Sie Kunstverständnis und Kaufverhalten der Österreicher?

Österreich ist eine Museumsnation und eine Kulturnation. Das ist sehr beeindruckend. Seit der Kunstmesse und den Bildungsprogrammen wird der Link zu unserem Angebot stärker, die internationalen Positionen finden Anklang wie auch CEE. Jedes Jahr wird es besser. Das freut mich sehr.

Welche Kunstrichtungen und welche Künstler zählen zu Ihren Favoriten?

Ich liebe abstrakte Kunst und Arbeiten auf Papier. Ich liebe die Arbeiten von Thea Djordjadze, Daniel Knorr, Franz West, Imi Koebel. Außerdem bin ich Fan von Société Réaliste.

Wie wichtig ist Kunst aus den osteuropäischen (Nachbar-)Länder für die „viennacontemporary“?

Der CEE Fokus ist das Alleinstellungsmerkmal der Kunstmesse. Keine andere Kunstmesse hat diesen Fokus. Wir haben die besten Vertreter der Kunstszene aus Österreich und aus CEE. Ich bin das ganze Jahr bemüht, die besten Galerien zu bringen. CEE wird als Interessensgebiet für internationale Sammler immer interessanter. Das MoMA New York hat im September eine Schau von Künstlern dieser Länder gemacht. So wird man als Kunstmesse zum Hotspot, wenn andere spannende Institutionen sich mit dem Thema auseinandersetzten.

Wie schätzen Sie die internationale Bedeutung der „viennacontemporary“ ein?

Wir gehören mit der Kunstmesse zu den Top 10 internationalen Kunstmessen für Zeitgenössische Kunst. Wir sind also sehr bedeutend! 

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt, was möchten Sie mit der viennacontemporary noch erreichen?

Gerne will ich, dass die Sammler lokal und international sich das Messedatum für 2016 und 2017 schon heuer notieren. Ich möchte, dass am ersten Abend alles ausverkauft ist.

Foto: viennaconetemporary / Henk Jan Kamerbeek